Wo sind denn meine Kinos hin?

Das Archäologische Museum Hamburg hat zur Blogparade #KultBlick geladen, bei der es auch fragt, was mir an Kultur fehlt. Seit unserem letzten Umzug weiß ich es – mir fehlen die Kinos in meinem Instagram Feed und in meiner Twitter Timeline. Wo sind sie aber? Nur auf Facebook? Warum?

Wir sind wieder umgezogen und wohnen seit zwei Monaten in einer neuen Stadt. Ich habe in dieser Zeit Galerien, Museen und Theater besucht – über all diese Veranstaltungen habe ich über den Twitter-Account der Stadt oder Instagram-Accounts der Kulturinstitutionen erfahren. Da ich Filmkritikerin bin, dienen mir aber vor allem Kinos als Anker in jeder neuen, mir fremden Stadt. Aber warum tauchen sie kaum in meinen Timelines auf und machen mich nicht auf sich aufmerksam?

Das Allheilsversprechen Facebook

Das Nichtvorhandensein der Kinos in meinen Feeds nahm ich zum Anlass gründlich zu recherchieren, was es für Arthouse-Kinos in dieser Stadt gibt und wie sie sich im digitalen Raum präsentieren. Und genau da liegt das Problem: sie sind nur auf Facebook unterwegs, ich aber bevorzuge andere Netzwerke. Ich fühle mich von den Facebook-Posts der Kinos nicht angesprochen, weil sie diese nur als einen Marketing Kanal à la „Heute läuft bei uns der Film X“ verwenden. Ich vermisse den Dialog, ich kann es nicht erkennen, dass die Kinos ihre Community pflegen und dass sie mir auch schöne Geschichten über sich selbst erzählen. Wenn ich mich aber nicht angesprochen fühle, like ich ihre Beiträge nicht, so dass der Facebook-Algorithmus ihre Posts als nicht relevant für mich einstufen wird und sie schnell aus meiner TL und meinem Bewusstsein verschwinden werden.

Quasi erfreuliche Statistik

Warum Facebook das bevorzugte Netzwerk für Kinobetreiber ist kann man versuchen mit der aktuellen Studie der Filmförderungsanstalt zu Programmkinos in Deutschland zu erklären. Nämlich, der durchschnittliche Programmkinobesucher ist 47,5 Jahre alt und damit fast zehn Jahre älter als der Gesamtkinobesucher. Und es kommt noch besser (oder trauriger): fast die Hälfte (49%) aller Programmkinobesucher gehören der Generation 50+ an. Also, wenn man 1 und 1 zusammenzählt – Facebook als das am meisten benutze Soziale Netzwerk in Deutschland und die Tatsache, dass ältere Menschen eher auf Facebook unterwegs sind, ist es nicht verwunderlich, dass die Programmkinos andere Plattformen häufig nicht bedienen.  (Das Thema Personalmangel und Erfahrungsmangel mit dem Thema Social Media klammere ich hier aus). Die Studie zeigt auch, dass die wichtigsten ‚Sources of Awareness‘ bei Arthouse-Kinobesuchern die Empfehlungen von Freunden, Trailer im Kino und Berichte in Zeitungen/ Zeitschriften sind, was bei dem Altersdurchschnitt nicht verwunderlich ist. Nur 1% der Kinobesucher werden über die Social Media-Channels auf Filme aufmerksam!

In die Marketingsprache übersetzt: man hat mit Facebook den richtigen Channel für die richtige Zielgruppe gewählt. Man arbeitet mit denen, die eher bereit sind, ins Programmkino zu gehen oder das schon machen. Dann also alles richtig gemacht. Und, basierend auf diesen Daten, sind die Zukunftsaussichten der Programmkinos sehr optimistisch: die zweitgrößte Besuchergruppe von Programmkinos sind Rentner – 27,7% (nach Angestellten, 36%).  Jetzt gehen die Babyboomer in die Rente. Diese sind gleichzeitig auch die treuste Besuchergruppe, die oft zu den so genannten ‚Hard Users‘ gehören – sie gehen öfters als 7 Mal im Jahr ins Kino. Alle klopfen sich auf die Schultern – die Zukunft ist gesichert, es läuft! Nur ich stehe alleine da und frage mich, in welches Kino ich in 30 Jahren gehen werde. Dann, wenn die größte Open Air Filmvorführung für die Babyboomer auf dem Friedhof stattfinden wird. Da wird das Kino als Erfahrungsort nicht mehr vorhanden sein, weil die Kinobetreiber es jetzt und heute nicht schaffen, auch andere (jüngere?) Besuchergruppen anzusprechen, die auf anderen Netzwerken unterwegs sind.

Wo ich hin will

Der Teufel ist aber nicht so schwarz, wie ich ihn ausmale wie die Letten das zu sagen pflegen. Drüben auf Instagram kenne ich zwei Beispiele – zwei Kinos in Berlin, – denen ich folge und sehr hoffe, da  mir mal auch einen Film anzuschauen – @ilkinoberlin und @wolfkinogang. An ihren Instagram Posts kann ich ablesen, was diese Kinos von anderen solchen Einrichtungen unterscheidet – die persönlichen Geschichten der Betreiber; besondere Besucher, die unerwartet vorbeischauen oder an manchen Tagen einfach ein leckerer Kuchen im Kino-Café. Sie wären ein Grund genug, um für unseren nächsten Umzug Berlin als Ziel zu setzen.

Studie der Filmförderungsanstalt zu Programmkinos in Deutschland 2016

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8 Gedanken zu “Wo sind denn meine Kinos hin?

  1. Hallo Elīna Reiter,
    ein sehr interessanter Beitrag. Ich fühlte mich gleich angesprochen.
    Bin ich doch Programmkinogänger, Internetfreak aber auch noch Babyboomer plus „Hard User“.
    Auf die Freilchtkino Veranstaltungen am Friedhof freue ich mich schon, schließlich bin ich dem nicht mehr allzu fern 😉

    Zum Thema Facebook: leider haben viele Leute noch nicht verstanden, dass Facebook durch seine Algorithmen alles kontrolliert was die Leute zu sehen bekommen. Selbst ein engagierter Programmkinobesitzer wird deshalb immer nur einen Bruchteil seiner Interessenten erreichen. Und die verlassen Facebook nur ungern, da ja der nächste blöde Gag schon unter dem aktuellen Beitrag steht.

    Mit leckerem Gruß
    Peter

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    • Lieber Peter, herzlichen Dank für deinen Kommentar! Genau das ist mein Problem – dass die Programmkinobesitzer zu wenig darüber informiert sind, wie Facebook funktioniert. OK, Instagram ist inzwischen auch sehr problematisch geworden, in diesem Fall ging es mir mehr darum, dass man auf anderen Netzwerken andere Geschichten erzählen kann.
      Die Open-Air Kinos auf dem Friedhof werden, übrigens, famose Veranstaltungen sein – weil Ihr noch eine von den Generationen seit, die sich mit dem Film äußerst gut auskennt und nicht denkt, dass die Filmgeschichte erst 2005 anfängt:-)

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  2. Liebe Elina,

    ich weiß, ich bin verspätet, aber bei 82 Beiträgen zur Blogparade dauert es ein bisserl, bevor ich alles gelesen habe und ich bin noch nicht fertig. Aber tatsächlich ist das doch schnurz, oder? Blogposts bleiben erhalten, nachhaltig und jederzeit zugriffsbereit, gell?

    Genaus deshalb komme ich mit einem weiteren Aspekt – Blogs! Bei Museen, die ich naturgemäß stärker mitbekomme, bin ich eher traurig, wie gute Inhalte und nicht nur Veranstaltungshinweise, die mich null Komma nix interessieren, im Nirvana der Informationsflut verpuffen. Peter brachte es schon auf den Punkt. Für Seitenbetreiber werden dort die Zeiten bestimmt nicht rosarot, sind sie es ja jetzt schon nicht. Da werden gute Inhalte stellenweise gepostet für wenig. Warum nicht Blogs nutzen und von hier gezielt ins Social Web streuen und zwar mit dem klaren Auftrag, sich mit der jeweiligen Community gewollt und authentisch zu verbinden? Aber das setzt Ressourcen vielfältiger Art voraus und dazu sind viele noch nicht bereit. Das Social Web ist nun mal kein Push-Kanal, aber vielleicht finden sie dann die Bestätigung, ja, das lohnt sich doch nicht, die Leute reagieren nicht? Tja, warum wohl? Schlechter Inhalt verdient nunmal keine Aufmerksamkeit und guter Inhalt muss entsprechend fesselnd aufbereitet werden. Dann wäre da noch der Algorithmus, den man schon aushebeln kann, aber nur durch den Community-Gedanken.

    Die beiden Instaaccounts schaue ich mir mal an.

    Dir ein dickes Merci fürs Mitmachen und welcom in der Blogosphäre!

    herzlich,
    Tanja

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    • Liebe Tanja,
      ein ganz herzliches Dankeschön für Deinen ausführlichen Kommentar! Da ich mich in zwei Filterblasen bewege – die der Museen und die des Films/ der Kinos – kann ich beide sehr gut vergleichen. Denn diese beiden Kultursparten leiden unter ähnlichen Problemen – Besucherschwund, Bedeutungsverlust, die Frage bei beiden ist nur, wie unterschiedlich versucht wird, dagegen zu wirken oder sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Da schaue ich mit Bewunderung auf Museen, wie weit sie schon sind. Vergleichsweise, selbstverständlich. Du sprichst auch die Frage der Ressourcen an, was ein ständig präsentes Problem überall in der Kulturbranche ist. Man muss aber auch über das „change the mindset“ reden. Dass ein einzelner Mensch, der in einem kleinen Kino für ALLES zuständig ist, gar nicht die Übersicht behalten kann über die rasenden Veränderungen auf dem Gebiet – das ist klar. Es muss aber das Bewusstsein dafür geschaffen werden, was man mit den sozialen Medien erreichen könnte.
      Liebe Grüße,
      elina

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  3. Hallo Elina,
    danke für den Text – für uns als kommunales Kino sehr interessant. Tatsächlich posten wir hier in Mannheim vor allem über Facebook; und tatsächlich vor allem täglich das Programm – weil bei uns mit einem Saal quasi täglich der Film wechselt. Damit kommen wir in der Tat wenig in Kontakt mit der potentiellen „Kundschaft“ – deshalb sehr erhellend, dein Text. Aber diese Einschränkung geschieht nicht aus Dumpfheit; oder wegen einer irgendwie angewiesenen Zielgruppe. Sondern leider in den Aspekten, die du ausklammerst: „Das Thema Personalmangel und Erfahrungsmangel mit dem Thema Social Media klammere ich hier aus.“ Social Media-Erfahrung kann man sammeln, das ist weniger das Problem: Es ist der Personal- und damit Zeitmangel.
    Als kommunales Kino sind wir vor allem Nachspieler; plus Filmklassiker; plus Sonderveranstaltungen… Das heißt: Wir können nicht wie gewerbliche Kinos bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt werden durch aktuelle Werbung durch die Filmverleihe – Trailer, Plakate oder gar Fernsehwerbung. Das müssen wir alles selber machen – mit kaum Budget. Wir müssen von uns aus tätig werden, und das auf allen Ebenen: Social Media ist da nur ein Teil; und die Personaldecke ist klein…
    Natürlich tun wir, was wir können; bringen auch Persönliches oder Überraschendes. Aber allein Facebook täglich zu bestücken bindet Resourcen; Instagramm, Twitter oder gar ein eigener Blog sind einfach nicht drin. „Aber das setzt Ressourcen vielfältiger Art voraus und dazu sind viele noch nicht bereit“, schreibt Tanja in ihrem Kommentar oben – nein, es geht nicht darum, dass man nicht „bereit“ ist, es geht darum, dass es im Grunde nicht möglich ist…
    Zumal dafür auch die Inhalte erstmal gefunden werden müssen. Die Arbeit hinter den Kulissen ist nicht glamourös. „Schöne Geschichten über uns selbst“ finden einfach nicht im Tages-, ja nicht einmal im Wochenrhyhtmus statt.
    Andererseits ist „Community pflegen“ eben auch nicht einfach, wenn nicht nur von unserer Seite, sondern auch von Seiten der Facebook-User das Angebot unseres Kinos vor allem erstmal zur Informations genutzt werden – wie gesagt: Wir müssen unsere Filme zuallererst einmal bekannt machen, weil sie eben nicht allerorten und in aller Munde sind…
    So dass eine Idee wie Diskussionen über die Filme o. ä., was sich ja anbieten würde, als Angebot auf Social Media nicht nur wegen der Zeit- und Personalsituation schwierig wären, sondern auch vermutlich, aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen, auf wenig Resonanz stoßen würde. Du schreibst es ja selbst: Bei vielen Filmen, vor allem in Sachen Filmhistorie und ähnliches, haben wir ein älteres Publikum, das auf diesen Wegen eben wenig aktiv ist. FIlme mit jüngerem Publikum – ja, auch das haben wir im Programm! – werden oft gruppenweise besucht, die Diskussion findet dann „intern“, persönlich statt, nicht öffentlich via Facebook etc.

    Was nicht bedeutet, dass wir uns eingraben! Selbstverständlich versuchen wir Wege zu finden. Neue Wege. Andere Wege. WIr dürfen aber dabei die alten Wege nicht vernachlässigen…
    Viele Grüße
    Harald

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    • Lieber Harald,
      ein ganz großes Dankeschön für deinen ausführlichen Beitrag! Ich freue mich sehr, dass Du in Deinem Kommentar eine detaillierte Einsicht in die tägliche Arbeit eines traditionsreichen Programmkinos schilderst! Ist das, was Du beschreibst, nicht die Tatsache, die bei der Diskussion „Quo vadis Deutsches Kino?“ letzte Woche in Berlin folgendermaßen charakterisiert wurde: „90% der Förderung der Länder und des Bundes fließt in die Produktion, also in die Herstellung von Filmen, nur 10% in den Vertrieb“? Also, generell die Tatsache, dass das Abspielen von Filmen nicht genug gefördert wird. Die Tatsache, dass die Zuschauer heutzutage über eine viel größere Anzahl von Möglichkeiten haben, um sich über Filme und das Programm zu informieren – nicht nur Druckmedien, Radio und TV-, verkompliziert die Lage für die Kinos, weil sie diese Bandbreite nicht bedienen können. Ich habe bei irgendeinem Marketingexperten gelesen, dass Menschen heute eine Kaufentscheidung erst treffen, wenn sie SIEBEN Mal auf unterschiedlichen Kanälen in entsprechender Form daran erinnert wurden. Das Gleiche gilt aber auch für den Besuch einer Kulturveranstaltung. Ich kann das selber bezeugen – je mehr eine Kulturinstitution seine Infos „tröpfelt“ und je breiter sie diese auch streut, umso sichtbarer werden sie für mich. Dabei freue ich mich, übrigens, immer sehr, wenn ich sehe, dass die Kulturinstitutionen einander unterstützen und auch auf ihrer FB-Seite auf themenrelevante Veranstaltungen bei anderen Kulturinstitutionen hinweisen. Nachbarschaftshilfe 4.0 so zu sagen.
      Liebe Grüße,
      Elīna

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