Was eine leere Leinwand erzählt oder Narration in Slow Cinema

Der Film ist zu Ende. Langsam gehen die Lichter wieder an.  Es ist aber niemand mehr da, der die letzten Minuten des Films hätte sehen können. Die Zuschauer sind alle schon früher gegangen. Die Kassiererin kommt hinein und fegt hier und da noch den Mühl zusammen. Dann verlässt auch sie den Kinosaal. Was zurückbleibt, ist die weiße Leinwand. Die Kamera blickt darauf für zwei Minuten.

Lieber Blog-Leser, bist Du noch da? Das Slow Cinema fordert, dass man den Vorwärtsdrang seines hastigen Arbeitsalltags zurücksetzt, sich die Zeit nimmt und für eine schier endlose Dauer einer Einstellung, die manchmal auch ein ganzer Film sein kann, sich auf einen Film einlässt. Diese Erfahrung ist aber immer auch der Gefahr ausgesetzt, dass uns irgendwann in der Mitte des Films oder der Einstellung der Mut verlässt weitere Lebenszeit in eine Filmgeschichte zu investieren. Weil es hier doch gar keine Geschichte gibt! Genau darüber geht es in meiner Dissertation Narration in Slow Cinema. Der Aspekt der Narration wird seitens der Forscher in diesen Filmen vernachlässigt mit der Begründung, dass es anti-narrative Filme seien. Anhand der Ansätze aus der post-klassischen Erzähltheorie definiere ich, was in solchen Filmen als Narrativ gelten kann, um in einem weiteren Schritt auf diese Filme die Vieraktstruktur von Kristin Thomson anzuwenden. Thompson stellt die These auf, dass alle Filme in narrative Einheiten mit einer Dauer von 20-30 Minuten eingeteilt werden können. Als Grenze von einer Einheit in die nächste dient ein narratives Event am Ende des vorherigen oder am Anfang des neuen Akts. Was aber als ein solcher Turing Point im Kontext eines Slow Films fungiert, ist eine skalierbare Größe, für deren Einschätzung und Beurteilung beide Seiten – der Autor wie auch der Zuschauer, – zuständig sind. Ich analysiere die langsamen Filme aus der Zuschauerperspektive heraus.

Um mit den Begriffen der Relevanztheorie (Dan Sperber, Deirdre Wilson, 1987) zu sprechen, stellen die langsamen Filme eine Form schwacher Kommunikation dar, da für die Bedeutungszuweisung einzelner Bilder und Erzähleinheiten zum größten Teil der Zuschauer zuständig ist – dem Autoren/ dem Regisseur entgleitet in diesen langen Einstellungen, in denen der Zuschauer sich aufgefordert sieht, Bedeutung zu erzeugen, die Kontrolle über die Deutungshoheit des von ihm geschaffenen Kunstwerkes.

Aus der Sicht der narrativen Theorie wiederum stellen die Filme des Slow Cinema schwache Narrativität dar. Diese entsteht, wenn die Dauer der Einstellung/ der Episode, die zum Verständnis einer narrativen Einheit notwendig ist, hinausgeht. Den Gegensatz – die starke Narrativität – begegnet man dagegen in klassisch aufgebauten filmischen Erzählungen. Der Vergleich zum amerikanischen Mainstreamfilm fällt noch gravierender aus, wenn man die durchschnittlichen Einstellungslängen (gängige Abkürzung ASL für average shot length) vergleicht. So hat Barry Salt festgestellt, dass schon zwischen 1994-1999 die Hollywoodfilme die ASL von 3 Sekunden erreicht haben und für die zwischen 1997-2016 entstandenen Actionfilme die ASL von 4 Sekunden gilt (Stephen Follows). Untersuchung einer kleinen Auswahl von Slow-Cinema-Filmen hat ergeben, dass diese ungefähr bei einer ASL von 30 Sekunden anfangen und die ASL nach oben offen ist. Solche Einstellungslängen kommen zu Stande, wenn mitten im Film Einstellungen vorkommen, wie die zweiminütige Aufnahme einer weißen, leeren Leinwand.

Kommt aber die Erzählung in solchen Momenten zum Stehen?  Ich behaupte, dass hier dann andere Strategien maßgebend sind, um die Sichtung eines langsamen Films in ein Filmerlebnis umzuwandeln – das Nachvollziehen einer kohärenten Geschichte ist nur eine von vielen Möglichkeiten dafür. Welche weiteren Wege hierfür denkbar wären, auch das zeigt meine Dissertation „Narration in Slow Cinema“ auf. Diese ist HIER nachzulesen.

Literatur:

Dan Sperber, Deirdre Wilson Relevance: Communication and Cognition, 1995

Stephen Follows How many shots are in the average movie? https://stephenfollows.com/many-shots-average-movie/ (3.07.2017, besucht am 3.02.2018)

Barry Salt The Shape of 1999. The Stylistics of American Movies at the End of the Century. In: Bary Salt Moving Into Pictures. More on Film History, Style, and Analysis, London, 2006

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